ΧΡΥΣΑ ΧΕΡΙΑ – DE


Goldfingers

Gefangen zwischen den zwei Seiten derselben Medaille.

Ein essayistischer Dokumentarfilm über eine haarige Kunst, die Tod in Schönheit verwandelt und damit die Gesellschaft herausfordert.

Goldfingers erzählt die Lebensgeschichte von zwei Männern, die seit Jahrzehnten tief in das traditionsreiche Pelzgeschäft eingebettet und daran beteiligt sind, Frankfurt am Main zum größten Pelzmarkt der Welt zu machen. Doch ausgerechnet während der Auschwitz-Prozesse in den 1960er Jahren bringt sie der Handel mit Robbenfell erstmals an den Pranger und macht ihre Branche zur Zielscheibe von Kritik, Propaganda und Hass. Für die erfolgsverwöhnten Männer wendet sich das Blatt und eine lange Reise in die Ächtung setzt ein, die ihnen am Ende kaum einen Ausweg offen lässt.

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Story

Der Film beginnt mit der Kindheit der Protagonisten. Sie überleben die Tragödien des Krieges und treffen sich einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt in der Frankfurter Niddastraße, wo sie furios Karriere machen und goldene Zeiten erleben. Jede Frau will Fell tragen und die Pelzbranche sorgt dafür, dass sie es auch kann. „Jetzt machen wir aus Frankfurt einen Rauchwarenplatz!“ hallt es im sächsischen Dialekt durchs Bahnhofsviertel. Das ursprünglich in Leipzig konzentrierte Handwerk ist auf der Suche nach einer neuen Heimat nach Frankfurt ausgewandert. Tausende sogenannte “Goldfingers” kommen aus der griechischen Pelzmetropole Kastoria und revolutionieren mit ihrer einzigartigen Nähtechnik das Pelzhandwerk. Ein Retorten-Baby entsteht, dessen DNA gleichermaßen jüdisch ist, wie sächsisch und griechisch. Nur ein einziges Pelzunternehmen hat Frankfurter Wurzeln. Vielleicht ist das mit ein Grund für die Ereignisse, die bald darauf die Branche erschüttern. Doch zunächst folgt das deutsche Wirtschaftswunder. Die Pelze der Einwanderer erobern die Straßen und machen Frankfurt innerhalb eines Jahrzehnts zum größten Pelzmarkt der Welt.

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Auf dem Höhepunkt des Erfolgs im Dezember 1963 wendet sich jedoch das Blatt. Zeitgleich mit dem weltweit Aufsehen erregenden Frankfurter Auschwitz-Prozess erscheinen plötzlich Bilder getöteter Robben in den Medien. Generiert von deutschen Journalisten, entfachen sie einen internationalen Skandal. Der Vorwurf „Lebendig gehäutet“ überzieht daraufhin den Frankfurter Pelzmarkt, der als Hauptabnehmer der Robbenfelle ins Fadenkreuz rückt. Nur wenige Wochen später vergleichen Neonazis erstmals Robben mit den Opfern des Holocaust und ihre Jäger mit den Tätern. Es ist die Geburtsstunde der globalen Anti-Pelz-Bewegung.

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Für die Protagonisten und ihre Branche beginnt damit eine lange Reise in die Ächtung. Sie werden den Ruf nie wieder los, Bestien zu sein, die nur um der Schönheit willen Babys töten. Daran können auch Gerichtsurteile nichts mehr ändern, die bescheinigen, das Töten von Robben, Nerzen oder anderen Pelztieren sei weit weniger barbarisch, als die Propaganda suggeriert.

Aber statt sich mit den Gegnern intensiver auseinanderzusetzen und überzeugende Antworten zu finden, setzt die angegriffene Branche auf Konsum und Dumpingpreise und schneidert ab Mitte der 1960er Jahre den Luxus-Artikel zum Massenprodukt um. Damit trägt sie selbst dazu bei, den Status des Kultobjektes zu zerstören und sein mörderisches Stigma in die breite Gesellschaft zu tragen. Immer mehr vor allem junge Menschen sehen im Pelz ein Produkt äußerster Grausamkeit und lehnen es deshalb ab. Mit der Pleite des größten Händlers und Konfektionärs Nachman Daitsch beginnt der Markt ab 1983 zu implodieren. Die Branche schmilzt, wie Schnee in der Sonne und die Zahl der Auszubildenden sinkt bundesweit nahezu auf null. Während Bankentürme an die Stelle der ehemaligen Pelz-Immobilien treten, verlassen die Protagonisten Frankfurt, das ihnen entgegen ihrer anfänglichen Hoffnungen keine neue Heimat geworden ist.

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Inzwischen heißt es überall in Europa „Pelz ist tot“. Ohnmächtig blickt ein alter Vorreiter in die Zukunft. Vor dem Geschäftssitz von Iraklis Kallisthenis im nordgriechischen Kastoria ist das Gras vertrocknet. Selbst der Whisky in der Bar seines Showrooms ist ausgetrunken. Nur die großformatigen Fotografien vergangener Stars erzählen von dem Prestige, das hier einmal zu Hause war. “Pelz kann erkranken, aber niemals sterben”, sagen die alten Leute. Aber der schlechte Ruf ist ein Killer. Ohne Nachwuchs stirbt jede Tradition. Um zu überleben, verkaufen deshalb viele Kürschner ihre Pelze weit unten am Strand. Ihre Kunden sind Russen, die an den Füßen Flipflops aus Plastik tragen und auf dem Kopf eine Pelzmütze. Ein Ladenschild weist den Weg aus der 45 Grad heißen Mittagssonne:  “Alaska Furs”. 

Der 89 Jahre alte Pelzhändler Iraklis Kallisthenis war bis vor kurzem noch Vorstand des Pelzverbands von Kastoria. 1962 wanderte er mit nichts außer einem Koffer voller recycelter Felle in Frankfurt ein. Anschließend kleidete er ein Volk in Pelze, das zuvor große Teile der gesamten Pelzbranche deportiert hatte und einen Jugendfreund vor seinen Augen erschoss. Damit machte er sein Glück. Heute steht der Selfmade-Millionär, als Tier-Mörder stigmatisiert, mit seinen sogenannten „inhumanen“ Pelzen vor dem wirtschaftlichen Aus.  

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Ein Rückblick zeigt den “Goldfinger” Iraklis Kallisthenis am Anfang des Filmes als Kind, das fingernagelgroße Fellreste zusammen näht. Stück für Stück entsteht daraus ein ganzes Fell. Immer wieder, streicht es mit den Fingern über die wachsende Fläche schimmernden Pelzes vor ihm. Nur zwei passende Stücke und eine Naht, so scheint es und schon gehört ihm die ganze Welt. Das “Stücken” ist die Spezialität der Griechen. Mit dieser der Armut geschuldeten Technik erwarben sie die einzigartige Fingerfertigkeit, die es überhaupt erst ermöglichte Pelz zu einem Massenartikel zu machen. 

Pelz ist ein Narrativ. Es erzählt von einer Illusion – wie man aus toten Tieren schöne Pelze, aus traumatischen Erlebnissen eine heile Welt und aus vielleicht fragwürdigen Geschäften eine erfolgreiche Firma schneidert. Die Welt urteilt nach dem Schein, sagt Goethe.

Aber nicht nur Fell lässt sich als zweite Haut zusammen schneidern, sondern alles: die eigene Vergangenheit, Erinnerungen, Fehlschläge, Erfolge. Pelz ist ein Sinnbild menschlicher Überlebenskunst, bis hin zum Selbstbetrug. Davon handelt das Wesen des Filmes, vom Streben, die Dinge so aussehen zu lassen, wie man sie sich wünscht und dazu immer nur eine Seite der Medaille zu betrachten.

Erzählt aus der ungewohnten Perspektive der Außenseiter, urteilt Goldfingers nicht über die Pelzherstellung, sondern umkreist eine prachtvolle Schönheit, die auf der Rückseite ein Flickwerk offenbart. Goldfingers ist kein Film über Gut und Böse, sondern handelt davon, wie beides zusammenhängt.

Das Filmprojekt wurde von der Hessischen Filmförderung mehrmals gefördert. Der Drehbeginn ist für Anfang 2020 geplant.

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