GOLDFINGERS


Wenn Durchhalten eine Schande ist, wird Überleben zur Kunst.

Ein essayistischer Dokumentarfilm über die Reise der Pelzhändler in die Ächtung.

Der Beruf des Kürschners ist älter, als die ältesten Kirchen der Welt. Aber der schlechte Ruf ist ein Killer. Die Tradition stirbt. Um zu überleben verkaufen die letzten Mohikaner ihre Pelze sogar unter der sengenden Sonne der nordgriechischen Ägäis. Auf dem Kopf ihrer Kundschaft thronen Pelzmützen und an den Füßen tragen sie Flipflops aus Plastik. Das Ladenschild weist den Weg in die klimatisierten Stores: “Alaska Furs”…

Die Kinodokumentation Goldfingers erzählt vom Untergang eines Handwerks, von dem nur noch Griechen sagen, es sei unsterblich. Taucht in eine Welt, in der die Zeit gerade zum Erliegen kommt. Weiße Haare. Weiße Kittel. Hornbrillen mit Schnauzer. Vergilbte Ägäis-Postkarten. Der Film zeigt Methusalems und Einzelgänger, die alle ihre Arbeit lieben, aber den Blues haben. Hinter denen eine Achterbahnfahrt liegt. Sie haben die Glanzzeiten miterlebt, sonnten sich im Licht von Weltstars, wie Marlene Dietrich. Sie wirkten mit als in den 1970er Jahren ein Kult-Objekt zum Massenprodukt umgeschneidert wurde. Jetzt leiden sie unter verschwindenden Erlösen und einem unvergleichlich schlechten Ruf. Müssen wieder zehren von nahezu asketischen Tugenden. Damit verlängern sie ihr Los. Doch der Nachwuchs bleibt aus, die Tradition pflanzt sich nicht mehr fort. „Pelz ist tot“, rufen sie aus, halb wütend, halb klagend, als sei das nicht schon immer so gewesen. Der Pelz ist ihnen abhanden gekommen, aber auch der Stolz. Und nun setzt es statt eines Abschieds die Ohrfeige. “Wer Pelz trägt, trägt den Tod.”

Keine Frage, Pelz ist aus Tod gemacht. Vergänglichkeit und Grausamkeit sind tief in ihn eingenäht. Trotzdem verkörpert die haarige Haut Reize und Würde. Sie erzählt, wie aus toten Tieren schöne Mäntel werden oder aus traumatischen Erlebnissen eine heile Welt entsteht. Die Nähe und Ambiguität zwischen Leben und Tod ist es, die Rauchwaren so geheimnisvoll und menschlich macht, angreifbar und sündig. Die Welt urteilt nach dem Schein, sagt Goethe. Davon handelt das Wesen dieses Filmes, vom Versuch, immer eine prachtvolle Schönheit zu sehen, auch wenn auf deren Rückseite ein tödliches Flickwerk prangt, oder manchmal auch genau andersherum.

 

Der Film Goldfingers portraitiert das Sterben einer Branche, erzählt aber auch ihre hochspannende Vergangenheit, einschließlich eines dramatischen Wendpunktes, der ihr ganzes Schicksal veränderte. Es beginnt mit einer Erfolgsgeschichte in Frankfurt am Main. Unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg entsteht in den Nähe des Hauptbahnhofes ein Rauchwarenviertel, obwohl es zuvor in der Stadt nur ein einziges Pelzunternehmen gegeben hat. Hunderte Familienunternehmen wanden dazu aus der von den Nazis zerschlagenen deutschen Pelzmetropole Leipzig nach Frankfurt in die Westzone aus. Angelockt werden sie von ehemaligen Leipziger Politikern, die am Main seit 1945 wichtige Ämter innehaben und reiche Vergünstigungen für die Ansiedlung gewähren. Nur fünfzehn Jahre später erobern taillierte Nerze aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel die Straßen weltweit. Zusammengenäht sind sie von griechischen Pelzarbeitern, die wegen ihrer Geschicklichkeit Χρυσά Χέρια: “Goldfingers” genannt werden. Es ist das letzte Dorado einer über 40.000 Jahre währenden Epoche in der Pelz zum Leben des Menschen dazu gehörte, wie Holz oder Metall: ein Milliardenmarkt.

Ganze Stadtviertel in Leipzig, London, Paris, Mailand, New York, Québec, Kopenhagen, Bergen, Stockholm, St. Petersburg, Nischni Nowgorod, Brody, Siatista, oder Kastoria in Griechenland waren seit Jahrhunderten vom Pelzhandel und seinen jüdischen Wurzeln geprägt. Der erste Milliardär, Johann Jakob Astor, legte den Grundstück seines Vermögens durch Fellhandel. Die britische Hudson´s Bay Company, stieg sogar zum größten globalen Unternehmen seiner Zeit auf. Bezahlt hat sie die Felle mit Goldmünzen in die der Wahlspruch Pro Pelle Cutem, „eine Haut für eine Haut“, eingeprägt war. Bis heute liegen die steinernen Forts der “Company” unversehrt in der polaren Wildnis Kanadas, unvergesslich durch James Fenimore Cooper´s Lederstrumpfzyklus. Aber schon Jules Verne schrieb, die HBC habe Kanada “von Tieren entvölkert”.

Seine Unschuld verliert Pelz etwa einhundert Jahre später, als 1964 das weiße, von Robbenblut gesprenkelte Eis rund um die “Magdalenen-Inseln” wie ein archaisches Monumentalbild befleckter Unschuld in allen Medien auftaucht und zum Wendepunkt für eines der ältesten Gewerbe der Menschheit wird. Es scheint dabei fast wie eine  Ironie der Geschichte, das Nordamerika dabei wieder im Mittelpunkt steht. Das Land hat die blutigen Kriege um die Vorherrschaft in den ewigen Jagdgründen der Ureinwohner nie überwunden. 

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Der Twist beginnt am 3. März 1964, als unter zweifelhaften Umständen der deutsche Kameramann Uwe Koenemann mit seinen Bildern die blutige Kehrseite der “Whitecoats” aufdeckt und die Jagd auf die sogenannten “Baby-Robben” in martialischer Grausamkeit bloßstellt. Da die Pelzhändler im Frankfurter Bahnhofsviertel damals der weltweit größte Importeur von Robbenfell sind, werden sie zum Ziel von Boykottaufrufen durch die Zoo-Ikone Bernhard Grzimek. Seine Kampagnen und Fernsehsendungen gegen die Robbenjagd bilden den Nukleus der folgenden globalen Antipelzbewegung, die von Deutschland ausgeht und anschließend die ganze westliche Welt erfasst. Was die Menschen früher bewunderten, kippt nun in Angst. Zerreißen und Flicken, der Zyklus des Lebens, wie er sich auch im Pelzhandwerk widerspiegelt, mutiert zur Blasphemie. Aber auch das Pelzhandwerk selbst, trägt zu seiner eigenen Zerstörung bei, indem es den kostbaren Nimbus der Rauchwaren aufgibt, zu Gunsten einer ebenso preisgünstigen, wie seelenlosen Massenproduktion. Nur drei Jahrzehnte später ist die zweischneidige Zunft in der westlichen Hemisphäre praktisch ausgestorben. Und wer sich, wie dieser Film, auf die Suche nach den Überresten macht, braucht inzwischen eine Lupe, um sie aufzuspüren.

“Die Zeit des Pelzes sei vorbei”, erzählen zwei Frankfurter Rauchwarenhändler. Die Fellbestände rings herum, einstige Millionenwerte, liegen heute schwer wie Blei in den hölzernen Regalen. Niemand habe geahnt, wie es kommen würde, sagen sie. Traditionell akkurat in weißen Kitteln, stehen sie gefasst in ihrem Pelzlager, falten die Hände und blicken zum Himmel. 

Auch der Selfmademan Iraklis Kallisthenis hat den kometenhaften Aufstieg Frankfurts als Pelzmetropole mitgemacht und den Absturz in die Krise, die seine Branche erbarmungslos umklammert. Vor seinem Geschäftssitz im griechischen Kastoria vertrocknet nun das Gras und sein Pelzlager steht leer. Selbst der Whisky in der Bar ist ausgetrunken. Nur großformatige Fotografien verflossener Stars erzählen von einem Prestige, das es so längst nicht mehr gibt.

Er kleidete ein Volk in Pelze, das zuvor große Teile der jüdisch geprägten Pelzbranche deportierte, aus seiner Heimatstadt Kastoria. Er sprang in die Lücke und machte sein Glück. Jetzt steht er selbst am Schandpfahl und ist ist am Ende der Reise in die Ächtung angekommen. Seine Kinder sind aus dem Geschäft geflohen. Seine Kenntnisse verlieren sich. Er weiß, das Pelzhandwerk wandert von Hand zu Hand. Es gibt keine Schule, keine Theorie. Mit den Alten stirbt das Wissen. Wer mit ihm spricht, spürt den Fall und hört den Aufprall, aber keine Bitterkeit. „Es geht doch immer rauf und runter“, sagt er mit einem Anflug von Lächeln im Gesicht. Sein schmächtiger, alter Körper ist windschief, als müsste er immer an zwei Orten zugleich sein und die schlichte Kleidung ist ihm eine Nummer zu groß. Das halbe Leben hat er im Flugzeug verbracht. Trotzdem hat er nicht verhindern können, dass die einstige Ikone von Wohlstand und Macht zerfallen ist, wie sonst vielleicht nur die steinernen Stelen von Marx oder Lenin. Und jetzt, am Ende seines Lebens angekommen, kann er daran nichts mehr ändern, außer seine Geschichte zu schildern und das Licht in dem sie sich zugetragen hat. Aber er gibt nicht auf.

“Pelz kann erkranken, aber niemals sterben”, heißt es in seiner Heimatstadt Kastoria.

Erzählt aus der ungewohnten Perspektive der Außenseiter, ist Goldfingers kein Film über Gut und Böse, sondern handelt davon, wie beides zusammenhängt. Ein essayistisches Panoptikum des Pelzes und seiner letzten Kreateure.

 

Das Filmprojekt wurde von der Hessischen Filmförderung mehrmals gefördert. Der Drehbeginn ist für 2021 geplant.

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