GOLDFINGERS


Wenn Durchhalten eine Schande ist, wird Überleben zur Kunst. Ein essayistischer Dokumentarfilm über die Reise der Pelzhändler in die Ächtung.

Der Beruf des Kürschners ist älter, als die ältesten Kirchen der Welt. Aber der schlechte Ruf ist ein Killer. Die Tradition stirbt. Die letzten Mohikaner verkaufen ihre Pelze sogar unter der sengenden Sonne am Strand der Ägäis um zu überleben. An den Füßen tragen die Kunden Flipflops aus Plastik und auf dem Kopf eine Pelzmütze. Das Ladenschild weist den weg durch die flimmernde Hitze: “Alaska Furs”

Der Dokumentarfilm Goldfingers erzählt vom Untergang eines Handwerks, von dem nur noch Griechen sagen, es sei unsterblich. Er taucht in eine Welt, in der die Zeit gerade zum Erliegen kommt. Weiße Haare. Weiße Kittel. Hornbrillen mit Schnauzer. Vergilbte Ägäis-Postkarten. Er zeigt Methusalems und Einzelgänger, die alle ihre Arbeit lieben, aber den Blues haben. Hinter denen eine Achterbahnfahrt liegt. Heute sind sie im Rentenalter oder älter. Sie haben die Glanzzeiten noch miterlebt, wurden reich mit Pelzen und sonnten sich im Licht von großen Stars, wie Marlene Dietrich. Als ein Kult-Objekt zum Massenprodukt umgeschneidert wurde, wirkten sie mit. Aber jetzt leiden sie unter schwindenden Erlösen und einem unvergleichlich schlechten Ruf. Ihr Nachwuchs bleibt aus, die Tradition pflanzt sich nicht mehr fort. „Pelz ist tot“, rufen sie aus, halb wütend, halb klagend, als sei das nicht schon immer so gewesen. Es klingt nach Wehmut. Nicht nur der Pelz ist abhanden gekommen, sondern auch der Stolz. Doch statt Abschied, setzte es eine Ohrfeige. “Wer Pelz trägt, trägt den Tod.”

Heute kann sich niemand mehr in einer Haarkluft sehen lassen, selbst wenn sie nach Mottenkugeln riecht und vom Flohmarkt stammt. Es ist als würde jemand im Restaurant einfach rauchen. Aus dem Liebling des Volks – „Wer nicht ein newen Peltz kan machen, der soll den Alten flicken und Gott machen lassen“ – ist in nur drei Jahrzehnten ein Buhmann geworden.

Keine Frage, Pelz ist aus Tod gemacht. Aber obwohl Vergänglichkeit und Grausamkeit tief in ihn eingenäht sind, verkörpert die haarige Haut auch Schönheit und Würde. Sie erzählt davon, wie man aus toten Tieren schöne Pelze, aus traumatischen Erlebnissen eine heile Welt oder aus fragwürdigen Geschäften eine erfolgreiche Firma schneidert und sich dabei glänzend fühlt. Die Welt urteilt nach dem Schein, sagt Goethe. Davon handelt das Wesen dieses Filmes, vom Streben, immer eine prachtvolle Schönheit zu sehen, auch wenn auf deren Rückseite ein tödliches Flickwerk prangt, oder genau andersherum.

 

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Hintergrund

Der Dokumentarfilm Goldfingers beginnt 1945. Unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg übersiedelt die von den Nazis zerstörte deutsche Pelzbranche von Leipzig nach Frankfurt am Main. Kurz darauf erobern taillierte Nerze aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel weltweit die Straßen. Zusammengenäht sind sie von griechischen Pelzarbeitern, die wegen ihrer Geschicklichkeit Χρυσά Χέρια: “Goldfingers” genannt werden. Angeführt von ehemaligen Leipzigern entsteht aus dem Nichts der größte Pelzmarkt der Welt. Doch die Glückssträhne ist nur von kurzer Dauer. Im Dezember 1963 beginnt der legendäre Frankfurter Auschwitz-Prozess. Kurz darauf stößt ein Filmteam am anderen Ende der Welt auf die barbarisch anmutende Robbenjagd. Die boomende Pelzbranche, Hauptabnehmer der kanadischen Seehundfelle, steht am Pranger. Es ist die Geburtsstunde der globalen Anti-Pelz-Bewegung. Die Pelzmacher werden anschließend den Ruf nie wieder los, nur um der Schönheit willen, Babys zu töten. Sie setzen auf die Massenproduktion von Pelzwaren und verteilen damit das mörderische Stigma in der breiten Gesellschaft. Immer mehr vor allem junge Menschen lehnen Pelz deshalb ab. Mitte der 1980er Jahre bricht der Markt zusammen. Das Frankfurter Pelzviertel verschwindet ebenso schnell wie es gekommen ist.

Im Zentrum des Filmes stehen Menschen, wie der griechische Pelzhändler Iraklis Kallisthenis. Er kleidete  ein Volk in Pelze, das zuvor große Teile seiner Branche deportiert und einen Jugendfreund vor seinen Augen erschossen hatte. Obwohl er weiß, dass in Deutschland viele ehemalige Nazis ihr Leben fortsetzen, als sei nichts geschehen, schneidert er ihnen im guten Glauben an eine gemeinsame Zukunft schöne Pelze auf den Leib und macht damit sein Glück. Jetzt steht er selbst am Schandpfahl und sein Wissen über die Herstellung von Hoffnung aus vielen kleinen Stücken verliert sich. 

Erzählt aus der ungewohnten Perspektive der Außenseiter, ist Goldfingers kein Film über Gut und Böse, sondern handelt davon, wie beides zusammenhängt. 

Das Filmprojekt wurde von der Hessischen Filmförderung mehrmals gefördert. Der Drehbeginn ist für 2020 geplant.

 

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